22.11.2019

Die eigenen Erfolge erkennen, dem Hochstapler-Syndrom die Stirn bieten

Carmen Abraham über den Einfluss von „Selbst“-Bewusstsein auf wirksame Führung

Selbst in ganz entspannten beruflichen Situationen im Kollegenkreis, ohne erhöhten emotionalen Druck gibt es durchaus sehr erfolgreiche Menschen, die plötzlich vom Selbstzweifel aus der Bahn geworfen werden. Sie zweifeln an der Kapazität ihres Gehirns, an der Verlässlichkeit ihres Gedächtnisses, ihrer Führungserfahrung, ihren Kompetenzen. Wer der Meinung ist, trotz zahlreicher Erfolge, den Anforderungen nicht zu genügen und darüber hinaus das Gefühl hat, fehl am Platz zu sein, der leide womöglich am Hochstapler-Syndrom. „Ich habe es sogar erlebt, dass einer meiner Klienten aus der Angst heraus, dass seine Unfähigkeit auffliegt, seine Kündigung eingereicht hat.“ Diese und ähnliche Konstellationen hat Carmen Abraham in ihrer Coach-Laufbahn immer wieder erlebt.

„Erst vor wenigen Wochen saß ich mit einem erfahrenen Manager zusammen, der von mehreren Seiten gebeten und später sogar gedrängt wurde, sich auf die nächst höhere Position zu bewerben. Doch ihn hielten Selbstzweifel und der feste Glaube an äußere glückliche Umstände davon ab. ‚Eigentlich‘ waren diese für seinen Erfolg verantwortlich. Er zählte mit viel Kreativität immer wieder neue Gründe auf, weshalb die Beförderung ein großer Irrtum sei“, berichtet die Ratgeberin für Leistungsträger. Obwohl er ein akribischer Arbeiter war, seinen Verantwortungsbereich voll im Griff hatte und bereits auf nächster Ebene Arbeit leistete, entwickelte er eine Abwehrhaltung aus Panik, seinen geschützten Raum verlassen zu müssen.

„Mich berühren und bewegen solche Begegnungen. Es sitzen gestandene, auch einflussreiche Persönlichkeiten vor mir, die von großen Selbstzweifeln geplagt werden, nicht zu genügen, nicht die richtigen Kompetenzen mitzubringen, nicht am Tisch mit den anderen sitzen zu dürfen‘. Obwohl sie alles haben, was sie dazu befähigt“, so Abraham. Das Selbstbewusstsein sei in solchen Fällen so gering ausgeprägt, dass geleistete Erfolge als glückliche Zufälle bewertet würden. „Das verhindert leider am Ende auch, dass diese Menschen ihr volles Potenzial nutzen, um wirksam zu führen.“

Um diese Haltung zu verändern, empfiehlt Abraham ein Gespräch auf Vertrauensbasis. „Der Gesprächspartner sollte sich mit einer wertfrei-neugierigen Haltung auf das Thema einlassen und so den Zugang zum Kern überhaupt ermöglichen. Er sollte Sätze wie ‚Dieses Ergebnis war doch nur Glück‘ hartnäckig hinterfragen, sich beschreiben lassen, wie das Ergebnis überhaupt zustande kam, welche Rahmenbedingungen es gab, usw.“

Wenn das Gefühl der eigenen Inkompetenz Führung und Entscheidungen blockiert, sei es wichtig, über „Brücken“ Zugang zur eigenen Wertschöpfung zu finden. Abraham gibt Anregungen zu ganz unterschiedlichen Wegen: „In manchen Fällen hilft bereits ein konsequent geführtes Tagebuch zu eigenen Leistungsbeiträgen. Anderen helfen Gespräche mit einer vertrauten Person über die nagenden Selbstzweifel. Oder aber Betroffene entscheiden sich für die Aufarbeitung mit einem fachkundigen Therapeuten.“ Ziel sei immer die Entwicklung einer selbstbewussten Haltung zur eigenen Leistung.

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