05.11.2019

Ich bin ein Hochstapler – ich kündige besser, bevor es jemand merkt

„Ich war einfach nicht gut genug für meine alte Position. Ich hatte zwar Erfolge bei meinen Kunden, sie mochten mich, aber das war doch alles nur Glück! Irgendwann wäre es meinem Vorgesetzten aufgefallen, dass ich gar keine Ahnung von Sales habe. Bevor dies passieren konnte, habe ich gekündigt. Ich habe den emotionalen Druck einfach nicht mehr ausgehalten, fehl am Platz zu sein und permanent auf mögliche Fehler achten zu müssen.“

Dies waren die ersten Worte am Start einer intensiven Zusammenarbeit, die den Teufelskreis durchbrechen sollte.

Es war meine erste Begegnung mit einer Kündigung als Lösung für die Angst „wegen Unvermögens aufzufliegen“. Doch diese Situation, die mir früh in meiner Coach-Laufbahn begegnete, habe ich seitdem in unterschiedlichsten Konstellationen, ob bei Männern oder Frauen, Execs oder jungen Führungskräften häufig wiedererlebt. Erst vor wenigen Wochen saß ich mit einem erfahrenen Manager zusammen, der von mehreren Seiten gebeten und später sogar gedrängt wurde, sich auf eine nächst höhere Position zu bewerben.

Doch der Glaube an das eigene Unvermögen und äußere glückliche Umstände, die für seinen Erfolg „eigentlich“ verantwortlich waren, ließen ihn immer wieder neue Gründe aufzählen, weshalb die Beförderung ein großer Irrtum sei. Er ist ein akribischer Arbeiter, immer im Einsatz, hat seinen Verantwortungsbereich im Griff und leistet bereits auf der nächsten Ebene. Seine Abwehr grenzte an Panik, seinen geschützten Raum zu verlassen.

Ein drittes Beispiel – eine Senior Managerin, Perfektionistin, hoch analytisch, kompromisslos. Sobald ein Projekt nach harter Arbeit und vielen Überstunden erfolgreich abgeschlossen ist, ist es schon wieder vergessen. Ist die „objektive“ Herausforderung geschafft, wird sie „subjektiv“ als Kleinigkeit betrachtet und das nächste Projekt gesucht. Lob gegenüber ist sie misstrauisch. Immer wieder ist der Antrieb da, mehr zu leisten, damit andere nicht ihre Unzulänglichkeit entdecken.

„Ich darf nicht am Tisch sitzen“

Mich berühren und bewegen diese Begegnungen. Es sitzen gestandene, auch einflussreiche Persönlichkeiten vor mir, die von großen Selbstzweifeln geplagt werden, nicht zu genügen, nicht die richtigen Kompetenzen mitzubringen, nicht „am Tisch mit den anderen sitzen zu dürfen“. Obwohl sie alles haben, was sie dazu befähigt! Das Selbstbewusstsein und das Gefühl für die eigene Wertschöpfung sind gering ausgeprägt. Wenn ihnen etwas leicht von der Hand geht, ist es in ihren Augen eher Zufall, von außen begünstigt und damit „eigentlich“ nichts wert. Die anderen haben es nur noch nicht gemerkt. Und was, wenn das auffliegt?

Den Teufelskreis der „Hochstapler“ durchbrechen

Es hilft, einen Gesprächspartner an der Seite zu haben, zu dem eine stabile Vertrauensbasis besteht. Der Gesprächspartner sollte sich mit einer wertfrei-neugierigen Haltung auf das Thema einlassen und so den Zugang zum Kern überhaupt ermöglichen. Er sollte Sätze wie „Dieses Ergebnis war doch nur Glück“ hartnäckig hinterfragen, sich beschreiben lassen, wie das Ergebnis überhaupt zustande kam, welche Rahmenbedingungen es gab, usw.

Mehr Klarheit und Wirksamkeit: Erkenntnisse in zwei Richtungen

Eine intensive Betrachtung, was bereits aus eigener Energie und Kompetenz im Laufe der Karriere geleistet wurde, setzt in zweierlei Richtung einen inneren Erkenntnisprozess in Gang:

1. Operativ-pragmatisch: Die Erkenntnis der eigenen Wertschöpfung
Was war und ist mein Beitrag in meiner Rolle, in meinen Aufgaben und Projekten? Was zeichnet mich aus? Was ist das Quäntchen mehr, das nur ich beisteuern konnte?

Um aus eigener Kraft weiterzukommen, empfehle ich hierzu ein Tagebuch, in das zu diesen Fragen regelmäßig Beobachtungen und Feedbacks aus der aktuellen Situation zu Erfolgen und Leistungen eingetragen werden. Schreiben durchbricht die Gedankenspiralen. Hier sollte aber auch genauso festgehalten werden, in welchen Momenten der Impuls kommt: „gleich fliege ich auf.“

2. Persönlich: Die Entwicklung einer insgesamt selbstbewussteren Haltung

Selbstreflexion ist der Schlüssel zu jeder persönlichen Entwicklung. Auch das Selbstbewusstsein entwickelt sich mit der bewussten Auseinandersetzung über die persönlich geleisteten Beiträge zum Erfolg des Unternehmens. Zum Gelingen eines Projektes. Zur Bewältigung eines Konfliktes. Ist die Haltung zur „Leistung“ gefunden, ist der Weg zum Selbstbewusstsein und zu mehr Wirksamkeit nicht mehr weit.

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