23.01.2019

Turnschuhe und Verzicht auf Krawatte bringen noch keinen Kulturwandel – Angst vor Machtverlust im Senior Management

Wenn es doch nur einfacher wäre, das eigene Ego zu ignorieren, sich nicht mehr an anderen zu messen, ganz vorne mitspielen zu wollen oder möglichst über viele Ressourcen verfügen zu müssen.

Auf den Top Führungsebenen wird nach wie vor mit harten Bandagen gekämpft. Wer dabei sein will, zögert meistens nicht, sein Verhalten diesen ungeschriebenen Gesetzen anzupassen. Egal, wie stark sich der Einzelne zum notwendigen Kulturwandel im Unternehmen und zur Auflösung hergebrachter Hierarchien öffentlich bekennt.

Drei Szenarien aus den letzten Wochen.

  • Ein Vorstand bedauert, dass in seinem Unternehmen Mittel- und Senior Management über alle Ebenen hinweg beharrlich an alten hierarchischen Gepflogenheiten festhalten und so den Wandel blockieren. Obwohl sich der Vorstand selbst mit vielen Impulsen als Motor sieht.
  • Eine Bereichsleiterin aus anderem Hause berichtet über die Pläne ihres Vorstands, über den notwendigen Kulturwandel erst ab einer Leitungsebene tiefer in Workshops zu diskutieren und von dort ein Umdenken einzuleiten. Der Vorstand selbst will sich die Ergebnisse zunächst einmal anschauen und passiv bleiben.
  • Ein drittes Haus. Der Wandel ist weit vorangeschritten und erreicht nun das Senior Management. Doch wenn es um die Besetzung neuer Positionen geht, wird jenseits von tatsächlicher Qualifikation und Potenzial in alten Seilschaften gekämpft, um nicht den über Jahre erkämpften Status zu verlieren.

Was leicht fällt ...
Es lässt sich trefflich und unverfänglich über die Vorteile und Hürden des notwendigen Kulturwandels diskutieren. Über neue Strukturen und die Wege hin zu einer Vertrauenskultur, über hierarchieübergreifende Zusammenarbeit und die Notwendigkeit von Selbstverantwortung. Es ist auch relativ leicht, die schwarzen Schuhe gegen Sneakers auszutauschen und die Krawatte abzubinden.

Was Angst auslöst ...
Doch wenn es zum persönlichen „Schwur“ kommt, fühlt sich der Einzelne oft überfordert und alleine gelassen. Er ist in der Hierarchie groß geworden und hat die Rahmenbedingungen nicht nur akzeptiert, sondern auch gelebt. Er hatte Erfolg, weil seine Persönlichkeit perfekt in die „alte“ Kultur passte. Er kannte sich mit den Mechanismen und Machtstrukturen aus. Sobald dieses für ihn bislang „sichere“ Netz wegbricht, entsteht Angst – vor Verlust von Macht, Status, Anerkennung, vor Versagen auf unbekanntem Terrain, beruflicher Unsicherheit und Zukunft, Veränderungsdruck u. v. a. m.

Was hinter den Türen geschieht
Es ist opportun, über operativen Stress zu sprechen. Doch über die existenziellen Ängste und den Stress, den die Veränderungen mit sich bringen, wird geschwiegen. Über diese neue Art von Druck, den die Leistungsträger und Top Performer jeden Tag aufs Neue spüren. Wenn, dann bekennen sie sich hinter verschlossenen Türen in geschütztem Raum dazu. Ein offener Umgang im Kollegenkreis damit käme dem Bekenntnis gleich, Schwächen zu haben und nicht hinter den Veränderungen zu stehen.

Das schränkt die Wirksamkeit ein
Am Ende ist jede Situation individuell zu betrachten. Stress löst bei jedem ein anderes Verhalten aus – von Flucht über Angriff bis zur Starre. Und wird von sehr selbstbewussten Menschen anders verarbeitet als von Menschen, die sich auch auf Senior Ebene immer wieder in ihrem Handeln hinterfragen. Eines ist gewiss: In allen drei Fällen schränkt es die Wirksamkeit ein.

Es gibt ein paar erste Schritte, die für jeden dieser drei Prototypen zu mehr Klarheit und Entlastung führen können.

  • Verstecken Sie sich nicht vor Ihrer Angst! Sie ist da. Sie ist ein Zeichen, dass etwas in Ihrem veränderten Umfeld nicht für Sie passt.
  • Nehmen Sie die Symptome ernst und beobachten Sie sich bewusst. Sind Sie hyperaktiv? Oder ziehen Sie sich ungewöhnlich viel zurück? Hat sich Ihr Umgang mit dem Kollegenkreis verändert?
  • Was genau löst in dem Veränderungsszenario die Angst aus? Sobald dies für Sie „greifbar“ wird, können Sie sich klarer damit auseinandersetzen. Sie können überprüfen, wie realistisch die Angst überhaupt ist, an welchen Stellen Sie Anforderungen nicht richtig einordnen, vielleicht sogar etwas übersehen haben und welche Lösungen es geben könnte.
  • Nehmen wir das Beispiel „Status- und Machtverlust“. In der veränderten Kultur der digitalen Welt wird hierarchieübergreifend gearbeitet. Aber dennoch gibt es Leads! Bis hinauf zur Vorstandsebene. Wie qualifizieren sich diese Kollegen? Beobachten Sie Ihr Umfeld, analysieren Sie alleine oder mit einer Vertrauensperson die neue Erwartunshaltung und erweitern Sie so Ihre persönliche Toolbox. Greifen Sie diese Chance und setzen sich langsam damit auseinander. Status und Macht sind anders definiert. Die neue Realität: Auch in der agilen Welt gibt es Rollen, die Anerkennung und Respekt bieten. Jobs, die in einer neuer Kultur, in einem dynamischen Koordinatensystem sehr viel Spaß machen werden.

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